Verfall der Rechtschreibung – Bildungspolitische Realitätsverweigerung in Rheinland-Pfalz

In seinem jüngst erschienenen Buch „Wie man eine Bildungsnation an die Wand fährt“ betitelt Josef Kraus, seit 30 Jahren Vorsitzender des Deutschen Lehrerverbandes, ein Kapitel mit „Rechtschreibung – Schlechtschreibung“. Kraus geht darin auch auf den „IQB-Bildungstrend 2015“ ein, der im Oktober 2016 veröffentlicht wurde und unter anderem die Orthografie der Neuntklässler untersuchte. In Rheinland-Pfalz erreichte rund ein Drittel nicht einmal die ohnehin schon weichgespülten Regelstandards. Diese Regelstandards bestanden nicht aus einem anspruchsvollen Diktat, sondern aus einem Lückentext. Um den weiteren Verfall der Rechtschreibleistungen einzudämmen, empfiehlt Kraus: „üben, üben, üben“.

Wie reagiert die rot-grün-gelbe Landesregierung auf die alarmierende Entwicklung in der Rechtschreibung? Eine Verschlechterung der Rechtschreibung wird glatt geleugnet. „Valide Anhaltspunkte für allgemein schlechtere Leistungen in Rheinland-Pfalz haben wir nicht“, erklärte Hans Beckmann, Staatssekretär im von der SPD geführten rheinland-pfälzischen Bildungsministerium im März 2017 in einer Sitzung des Bildungsausschusses, nachdem die AfD-Fraktion dort einen Antrag zur „Rechtschreibkompetenz der Schüler in Rheinland-Pfalz“ eingebracht hatte. Die Quintessenz: alles gut, alles super.

Im Kern geht es um die vom Schweizer Reformpädagogen Jürgen Reichen inspirierte Methode „Schreiben nach Gehör“ beziehungsweise „Lesen durch Schreiben“, mit der die Kinder unter Zuhilfenahme einer Anlauttabelle das Schreiben lernen sollen und schon nach ein paar Monaten seitenlange Aufsätze schreiben können – jedoch ohne Anspruch auf eine richtige Schreibweise. Laut einem Beitrag von Gymnasiallehrer Rainer Werner („Rechtschreibung – ‚Di foirwer retete eine oile aus dem Stal‘“, Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 6. April 2017) ist das „eine Zumutung fürs Gehirn“, weil es dem Gehirn leichter fällt zu üben, als falsch Gelerntes zu korrigieren. Reinhard Schwab vom Hessischen Philologenverband kritisiert die „Lesen durch Schreiben“-Methode beschreibt das Problem so: „Lässt man in den ersten beiden Grundschuljahren Kinder schreiben, wie sie sprechen, und korrigiert nicht, besteht die Gefahr, dass sie sich im Rahmen dieser Schreibanarchie Wörter falsch einprägen. … Kinder sollten von Anfang an die richtige Rechtschreibung lernen und regeltreues Schreiben einüben, die einzelnen Buchstaben sollen systematisch erarbeitet, Rechtschreibstrategien vermittelt werden.“

Auch in Rheinland-Pfalz wird im Anfangsunterricht der Grundschulen das Arbeiten mit der Anlauttabelle praktiziert, wie Bildungsministerin Dr. Stefanie Hubig (SPD) in einer Antwort auf eine Kleine Anfrage der AfD mitteilte. Legitimiert wird der Einsatz der Anlauttabelle durch den Teilrahmenplan Deutsch für die Grundschulen. Dort heißt es (S. 17): „Darüber hinaus ist es wichtig, erste schriftliche Ausdrucksformen zu respektieren und für einen behutsamen Übergang vom lautgetreuen zum normgerechten Schreiben zu sorgen, um die Schreibmotivation aufzubauen und zu erhalten.“

Wer nun behauptet, die Leistungen in der Rechtschreibung hätten sich in den letzten Jahrzehnten verbessert oder es gäbe keine Anhaltspunkte für eine Verschlechterung, der verweigert sich der Realität und argumentiert mit ideologischen Scheuklappen. Die Alltagserfahrungen der Lehrer an den weiterführenden Schulen sind gänzlich andere. Diese Erfahrungen haben auch eine wissenschaftliche Grundierung. Prof. Wolfgang Steinig wies in einer Langzeitstudie nach, dass sich die Rechtschreibung seit den 1970er Jahren vehement verschlechtert hat.

Bezeichnend eine Passage aus dem bereits erwähnten FAZ-Artikel von Rainer Werner: „Es verblüfft einen immer wieder, wenn man Briefe von Menschen liest, die zu Anfang des 20. Jahrhunderts zur Schule gegangen sind. Sie schreiben in einem nahezu fehlerfreien Deutsch. Dabei haben sie oft nur die achtklassige ‚Volksschule‘ besucht. Ihr korrektes Deutsch haben sie gelernt, weil das Üben der Rechtschreibung mit einer Beharrlichkeit durchgeführt wurde, die ‚schülerzugewandte‘ Pädagogen heute als unmenschlichen Drill stigmatisieren. Vermutlich haben frühere Didaktiker mehr von der Beschaffenheit unseres Gehirns gewusst, als wir ihnen aus heutiger Sicht zugestehen wollen. Die physiologische Gehirnforschung plädiert dafür, Merkfähigkeit vor allem durch beständiges Üben zu stärken. Warum sollte man das Drill nennen, was uns das eigene Gehirn als eine erfolgversprechende Lernmethode vorgibt? Es ist an der Zeit, dass sich die Lehrer gegen die unwissenschaftliche Verächtlichmachung des Übens verwahren.“

Fazit: „Üben, üben, üben“ – wie auch Josef Kraus fordert. In Rheinland-Pfalz geht man genau in die entgegen gesetzte Richtung. Durch die Schulordnung für die öffentlichen Grundschulen vom 10. Oktober 2008 wurden im Fach Deutsch die Anforderungen nämlich in erheblichem Maße gesenkt. Waren bis dahin noch zehn bis zwölf Diktate pro Jahr für die Dritt- und Viertklässler vorgeschrieben, sind nun nur noch drei Arbeiten im Bereich „Richtig schreiben“ eingeplant. Das müssen aber keineswegs Diktate sein, es sind auch andere Formate wie Lückentexte zulässig. Der Lückentext ersetzt immer öfter das Diktat.

Selbst im einstigen Musterland Bayern sind massive Einbrüche zu verzeichnen. Bereits im September 2013 erklärte Max Schmidt, Präsident des Bayerischen Philologenverbandes (bpv), zu den Leistungen in der Rechtschreibung: „Das ist deutlich schlechter geworden.“ Die Mehrheit der Gymnasiallehrer ist der Meinung, dass sich die Einführung der Lehrmethode „Lesen durch Schreiben“ negativ auf die Rechtschreibkenntnisse der Schüler ausgewirkt hat. Das äußerten jedenfalls 60 Prozent in einer bpv-Umfrage vom November 2012, an der 1100 Gymnasiallehrer teilnahmen. „Das schadet vor allem den Kindern von Migranten und aus bildungsfernen Familien. Kinder aus bildungsnahen Familien werden nicht so sehr benachteiligt, denn da helfen ja die Eltern mit. Die achten darauf, dass ihre Kinder richtig schreiben lernen“, betonte Schmidt.

Eindrucksvoll belegt wird diese Aussage am Beispiel einer verzweifelten Mutter, die auf ihrer Facebook-Seite einen offenen Brief an die Erfinder von „Lesen durch Schreiben“ einstellte und eine überwältigende Resonanz erfuhr. Binnen kurzer Zeit sammelten sich knapp 2000 Kommentare an. In einem heißt es: „Auch meine Tochter sollte so lernen! Ich hab es aber von Anfang an NICHT unterstützt. Hab jeden Tag die Hausaufgaben gemeinsam mit ihr gemacht und die Lernmethode von DAMALS (Fibel) angewandt!! Ja … es war wohl anstrengend und verwirrend dazu. Aber mit gutem Erfolg.“ Das Scheitern dieser Methode kann kaum besser veranschaulicht werden.

In Baden-Württemberg forderte die CDU-Kultusministerin Susanne Eisenmann ihre Grundschulen auf, Methoden, bei denen Kinder lange Zeit nicht auf die richtige Rechtschreibung achten müssten, nicht mehr zu praktizieren. Eltern und Kinder in Baden-Württemberg atmen auf – der Spuk rot-grüner Bildungsexperimente hat zumindest in diesem einen Punkt sein Ende gefunden! Ziehen wir nicht im ganzen Bundesgebiet die Notbremse, wird der Verfall der Rechtschreibung bald ein unumkehrbarer Prozess sein.

Wohin nämlich dieser permanente Niveauverlust hinführt, lässt eine Studie von Gerhard Wolf, Professor für Geschichte an der Universität Bayreuth, aus dem Jahre 2011 erahnen. Ergebnis: Selbst Lehramtsstudenten sind von der gravierenden Verschlechterung der Rechtschreibung – sowie der Grammatik, Syntax, Interpunktion, Wortschatz und Umgang mit den Tempora – nicht ausgenommen. Deshalb vermutet Wolf, dass „die Hälfte der Lehramtsstudenten eines Tages als Lehrer maximal 50 Prozent der sprachlichen Fehler ihrer Schüler noch erkennen“ können. In Rheinland-Pfalz sieht die Landesregierung allerdings keinen Handlungsbedarf, hier ist aus Sicht der rot-grün-gelben Landesregierung alles bestens.